Dufourspitze

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Der lange Atem des Ulrich Inderbinen

Eine der bekanntesten Bergführerpersönlichkeiten Zermatts ist Ulrich Inderbinen (1900-2004). Noch immer sieht man in einigen Cafés und Restaurants des Matterhorndorfes sein Konterfei. Seit 2004 plätschert ihm zu Ehren im historischen Dorfkern ein Brunnen. Seine Biografie „Ich bin so alt wie das Jahrhundert“ ist 2014 in der siebten Auflage erschienen. Als Inderbinen 2004 im Alter von 104 Jahren verstarb, brachte sogar die Neue Zürcher Zeitung und der britische Independent einen Nachruf auf die Schweizer Bergführer-Legende.

Ulrich Inderbinen arbeitete 75 Jahre lang als Bergführer. 1990 war er bei der 125 Jahr-Jubiläumsbesteigung des Matterhorns als 89-Jähriger dabei. Mit 96 unternahm er seine letzte grosse Tour. Er bestieg 371 Mal das Matterhorn, 84 Mal den Mont Blanc und 81 Mal die Dufourspitze. Berüchtigt war sein bedächtiger, aber unermüdlicher Schritt. Hermann Biner, Bergführer aus Zermatt, erinnert sich:

„Im August 1986 sassen wir (einige Führer) in der Küche der Monte Rosa-Hütte mit dem Hüttenwart Sepp Gruber und warteten auf unsere nächsten Gäste für die Dufourspitze. Da kam ein Gast an den Schalter und fragte, ob sein Führer Ulrich schon angekommen sei. Wir verneinten. Kurze Zeit später kam der Gast nochmals sehr aufgeregt an den Schalter und sagte, er habe auf der offiziellen Bergführerliste (die hängt in jeder Hütte) einen Ulrich gefunden, der hätte Jahrgang 1900 und das wäre doch wohl ein Fehler! Wir sagten, die Liste sei korrekt. Worauf der Gast sagte, das könne ja nicht sein und man hätte ihn im Bergführerbüro betrogen – dieser alte Führer würde kaum auf die Dufourspitze kommen.

Später kam Ulrich in der Hütte an und redete wie immer nur das Nötigste, was den Gast keineswegs beruhigte. Am Abendessen löffelten die beiden (der Gast und Ulrich) die Suppe und musterten sich misstrauisch. Am nächsten Morgen um 2 Uhr starteten wir alle mit unseren Gästen – Ulrich in seinem gewohnt langsamen Schritt, den er aber durchzog, und der sich für die meisten Gäste nach einer halben Stunde als eher zügig entpuppte. Auf jeden Fall zog Ulrich uns allen davon, legte nur die absolut nötigsten Pausen ein und erreichte den Gipfel als erster. Als er nach dem Abstieg in der Hütte ankam, war der Gast fix und fertig. Er sagte zu Ulrich, er sei zu schnell gegangen. Ulrich antwortete: 'Wenn der Herr langsamer gehen will, dann müssen Sie das nächste Mal einen älteren Führer als mich engagieren.'“


Als Ulrich Inderbinen am 3. Dezember 1900 geboren wurde, hatte Zermatt 741 Einwohner und ca. 170 Bergführer. Zum Vergleich: Im Jahr 2018 geht die Einwohnerzahl gegen 6000 bei 60 aktiven Bergführern – Nachwuchs dringend gesucht. Das war zu Inderbinens Zeiten nicht so: Die Konkurrenz untereinander war gewaltig. Ohne Familienmitglieder, die im Gastgewerbe oder in der Hotellerie tätig waren und zwischen Gast und Bergführer vermittelten, hatten es junge Bergführer schwer und Ulrich Inderbinen, so ist es in seiner Biografie nachzulesen, sei zu schüchtern gewesen, um auf der Bahnhofstrasse Bergtouristen anzusprechen.

Dennoch: Inspiriert von seinem Onkel Moritz und seinem Patenonkel Theodul Biner, beide Bergführer, ging der junge Ulrich das Wagnis ein. 1921 bestieg er das erste Mal das Matterhorn mit seiner Schwester Martha, seinem Freund Alfred Aufdenblatten und dessen Schwester. Das war die Voraussetzung, um überhaupt zum Bergführerkurs in Siders zugelassen zu werden. Die Traversierung von Wellenkuppe und Obergabelhorn am 6. August 1925 mit zwei Schweizer Alpinisten war eine seiner ersten Aufträge, die dem jungen Bergführer eine hervorragende Referenz in seinem Führerbuch bescherte. Er hatte drei Engagements in der ersten Saison – immerhin! Über 70 weitere Bergsommer folgten.


Weiterlesen

Heidi Lanz/Liliane De Meester: Ulrich Inderbinen. Ich bin so alt wie das Jahrhundert. 7. Auflage, Rotten Verlag, Visp 2014 / Hermann Biner: „Das Matterhorn und seine Bergführer“ (Rotten Verlag, Visp 2015)