Matterhorn

22 Summits Blog

Am 22. Juli 1871 erklomm die Britin Lucy Walker (1836-1916) in einem weissen Flanellkleid, begleitet von ihrem Freund und Bergführer Melchior Anderegg, ihrem Vater und weiteren Bergsteigern, als erste Frau der Welt das Matterhorn. Dieser Meilenstein der alpinistischen Geschichte fand sechs Jahre nach dem Drama der Erstbesteigung um Edward Whymper statt. Die Matterhorn-Besteigung durch eine Frau wurde vor der Öffentlichkeit verborgen gehalten, da es Frauen verboten war, Berge zu besteigen und sie schon gar nicht als befugt galten, darüber zu publizieren. Lucy Walker war damals knapp ihrer Konkurrentin, der amerikanischen Bergsteigerin Meta Brevoort (1825-1876), zuvorgekommen. Man stelle sich vor, was es für Frauen der Schweizer Bergbevölkerung bedeuten mochte, alpinistische Ambitionen zu hegen, wenn es schon für die adeligen Ladies einem Skandal gleichkam. Doch auch unter den einheimischen Frauen regte sich Interesse, Berge zu besteigen. So soll Maria Cathrein aus Brig, die das Hotel Riffelhaus in Zermatt führte, 1862 mit Lucy Walker auf der Dufourspitze gestanden haben. Sie war eine Hotelière und gehörte demnach zu einer privilegierten Klasse. Ist es absurd zu vermuten, dass sogar Frauen der Landbevölkerung Gipfel bestiegen haben?

Der Zermatter Gemeindepräsident Joseph Perren (1846-1913) hatte eine Tochter, Veronika. Sie war die Urgrossmutter von Carolina Nicola und Rahel Julen und arbeitete auf der Flualp. In der Familie Julen wird erzählt, sie sei zwischen 1908 und 1910 mit noch nicht einmal zwanzig Jahren die erste Zermatterin auf dem Matterhorn gewesen. Paul Julen, ihr Sohn, berichtet, dass sie einen Priesteranwärter namens Gentinetta als Führer ausgewählt hätte, um keinen ihrer Bekannten zu beleidigen. Sie sei im Rock zur Hörnlihütte und hätte sich dort Hosen angezogen. Ihr späterer Mann Severin Julen hätte nie alpinistische Ambitionen gehegt. „Mein Vater hatte zu viel Angst“, sagt Paul Julen.

Für diese Leistung - man kann es sich denken - wurden bisher keine schriftlichen Beweise gefunden. Es ist Oral History.


Eine literarisch-historische Leistung

erbrachten die Alpin-Journalistinnen Caroline Fink und Karin Steinbach mit ihrer Geschichte des Frauenbergsteigens: „Erste am Seil – Pionierinnen in Fels und Eis. Wenn Frauen in den Bergen ihren eigenen Weg gehen“. Innsbruck, Wien 2013.