22 SUMMITS Geschichten über Zermatt | Dent Blanche

22 Summits Stories

Anjan, geh’ du voran!

Die erste Lektion als zukünftiger Bergführer und Rettungschef von Zermatt erhielt Anjan Truffer im September 1994 während seiner Ausbildung, an der Dent Blanche. Das Ereignis, in das er dort verwickelt wurde, wies im Nachhinein betrachtet bereits über die Rolle des Bergführers hinaus. Zwanzig Jahre später wurde Anjan Truffer in der Nachfolge von Bruno Jelk Rettungschef von Zermatt. Was war geschehen im Schneetreiben an der Dent Blanche?

Der junge Bergführer-Aspirant Anjan Truffer war mit den anderen Aspiranten seiner Klasse und seinem Ausbilder unterwegs auf dem Weg zur Schönbielhütte. Das Wetter schlug um und es fing an zu schneien. In der Nacht gab es 30-40 cm Neuschnee. Man schob die Tour zur Dent Blanche auf und beriet sich. Der Ausbilder, der seine erste Aspiranten-Gruppe leitete, sagte, dass man normalerweise bei solchen Verhältnissen mit Gästen die Tour abbrechen würde. Sie als zukünftige Bergführer müssten aber damit zurechtkommen. Die Gruppe brach auf und nahm Angriff auf die Wandflue. Ein Firnfeld weiter evaluierte man erneut: Eigentlich müsse man umkehren, aber sie seien ja Profis. Anjan Truffer übernahm die Führung seiner Seilschaft. Sie querten ein Couloir. Kaum waren sie in die Rinne eingestiegen, riss eine grosse Lawine ihn und Miggi Biner mit, zunächst 30 m über die Felsen in das Schneefeld, insgesamt 200 m. „Eis und Steine, mal hell, mal dunkel. Wir waren total hilflos. Es geht schnell vorbei, doch man hat das Gefühl, es dauert eine Ewigkeit. Mein Gedanke war: 'Ich bin noch zu jung zum Sterben. Mein Zeitpunkt ist noch nicht gekommen'“, erinnert sich Truffer. Sie hatten Glück. Die Beine waren zwar von den Steigeisen zerstochen, Anjan hatte die Schulter gebrochen, Miggi einen Muskelfaserriss, doch waren sie sogar in der Lage zu Fuss zur Stafelalpe zu gelangen.

„Ich spreche heute in meinen Vorträgen viel über Intuition“, sagt Zermatts Rettungschef. „Wir waren an dem Tag an der Dent Blanche viel zu weit gegangen. Der Ausbilder hatte sich selbst unter Druck gesetzt. Das führte zu einer Fehlentscheidung. Bergführer spüren, wenn etwas nicht gut ist. Unsere Intuition kommt von der Erfahrung. Das ist ein extrem wichtiges Hilfsmittel.“

Miggi Biner verunglückte 13 Jahre nach dem Unfall, im März 2007, in einer Lawine am Stockhorn. Er und Anjan Truffer waren beste Freunde. Sie waren zusammen zur Schule gegangen und hatten gemeinsam die Kletterwelt erobert. Gemeinsam beschlossen sie, nach der Lehre Bergführer zu werden und trainierten für alle Prüfungen gemeinsam. Sie gingen mit ihren Gästen auf Expedition nach Alaska und in die Anden. „Miggis Tod in der Lawine hat mich damals hart getroffen“, sagt Anjan Truffer. Acht Jahre später wurde er Rettungschef.

Rettungschef Anjan Truffer

Seit 2015 ist der Bergführer und Rettungsspezialist Anjan Truffer verantwortlich für die Bergrettung in der Region um Zermatt. Er führt ein Team von zehn Leuten, ist für Administration und Medienarbeit zuständig, verhandelt mit allen technischen Kommissionen. Ohne Helikopter keine moderne Bergrettung: Der Rettungschef und sein Team arbeiten eng mit der Air Zermatt zusammen und sind in viele Entscheidungen des Unternehmens miteinbezogen. Mit 14 Jahren stand Anjan Truffer das erste Mal auf dem Matterhorn. Sein Onkel Franz Schwery war Hüttenwart der Hörnlihütte. Der Neffe half viele Sommer am Fusse des Hörnligrats mit. Das Bergführer-Patent erwarb Truffer als 20-Jähriger. Er war Mitte der 90er Jahre der jüngste Bergführer im Alpenraum.