22 SUMMITS Geschichten über Zermatt | Zumsteinspitze

22 Summits Stories

Der Grenzgänger vom Monte Rosa


Mitte der 90er Jahre befand sich der Bergführer Hugo Biner aus Zermatt mit seinen brasilianischen Gästen auf dem Ostgipfel des Liskamms auf 4'527 m über dem Meer, als er seltsame Spuren im Schnee entdeckte. Die Seilschaft folgte ihnen über den exponierten Schneegrat zum Lysjoch. Weiter ging es der geheimnisvollen Spur nach, teilweise auch im Nebel, zur Unterkunft, der Margherita Hütte. Unter einem Tisch fand sich des Rätsels Lösung: Ein Husky erholte sich von den Strapazen am Berg. Hugo Biner erfuhr vom Hüttenwart, dass der Hund dem Wirt eines Bergrestaurants in Alagna gehöre und dass das Tier gelegentlich in der Hütte übernachten würde.


Am kommenden Tag brach die Seilschaft auf. Der Husky folgte ihnen. Nach der Besteigung der Zumsteinspitze ging es steil über einen Schneegrat Richtung Grenzsattel. Bei den ersten Felsklettereien kam das Tier nicht mehr weiter und machte kehrt. Biner überstieg mit seinen Gästen den Grenzgipfel zur Dufourspitze. Auf dem Rückweg vom Gornergletscher nach Rotenboden kam ihnen der vierbeinige Weggefährte abermals entgegen: Der Husky war nun mit anderen Alpinisten auf dem Weg zur Monte Rosa-Hütte. Er war also an der Zumsteinspitze nicht mehr weitergekommen und mit anderen Alpinisten über den spaltenreichen Grenzgletscher abgestiegen, um neue Kundschaft auf Rotenboden abzuholen.


„Nicht jeder Hund würde so etwas wagen“, erklärt Philipp Imboden von der Hundeschule Wallis. Der Experte bildet seit 2006 Familien- und Rettungshunde aus. Er hat vom Dackel bis zum Bernhardiner viele Hunde im Hochgebirge erlebt. „Die Lebenserfahrung des Tieres spielt eine grosse Rolle“, so Imboden weiter. „Wetter, Temperaturen und Höhe sind auch für Hunde eine Herausforderung. Ihr Orientierungssinn ist gut, aber wenn das Hirn zu hochdreht, kann sich das Tier schnell verlaufen. Es kommt darauf an, aus welchem Grund es weggelaufen ist: Ist es ein Trieb oder ein Angstzustand?“ Körperlich seien die Tiere gut ausgestattet: „Der Vierradantrieb ist ein Vorteil: Mit ihren Pfoten kommen sie gut im Tiefschnee zurecht. Sie riechen Gletscherspalten und wissen, dass der Schnee dort weniger dicht ist. Sie würden eher kein Gelände betreten, das bald einbrechen wird.“ Ein Problem stellt die Ernährung dar: „Da oben gibt es nichts zu fressen und wenn ein Hund Schnee frisst, um seinen Durst zu löschen, bekommt er meist Magenprobleme.“


Sollte man einen entlaufenen Hund auf einer Hochtour sichten, empfiehlt Philipp Imboden zunächst, nach dem Besitzer Ausschau zu halten und ein Foto zu machen. „Ihn einzufangen und mitzunehmen ist eher schwierig, weil es meist die scheuen Hunde sind, die herumirren, und es gibt das Risiko gebissen zu werden. Das Beste ist, die Behörden anzurufen und Meldung zu machen.“